Fachkräftemangel dominiert die Schlagzeilen. Aber die Zahlen erzählen eine andere Geschichte – eine von Wachstum, Stillstand und Kosten.
Fachkräftemangel dominiert die Schlagzeilen seit Jahren. Man hat sich daran gewöhnt. Aber der Begriff verwundert. Unternehmen finden keine Leute, Stellen bleiben unbesetzt, die Demografie drückt – soweit das Narrativ. Schaut man die Zahlen an, wird es komplizierter. +1.5 Millionen Erwerbstätige in 30 Jahren – und trotzdem Mangel? Löhne, die moderat steigen, obwohl Knappheit die Preise treiben müsste? Irgendetwas passt nicht zusammen.
Starkes Beschäftigungswachstum seit 1990
Seit 1990 sind 1.5 Millionen Erwerbspersonen dazugekommen. Die Schweiz hat heute 5.3 Millionen Erwerbstätige – plus 40 Prozent in drei Jahrzehnten.
Die Wirtschaft lief gut, Covid ausgenommen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg – und wurde gedeckt. Boris Zürcher, zwölf Jahre Leiter der Direktion für Arbeit beim SECO, sieht die hohe Zuwanderung als «Kollateraleffekt der praktizierten Geld- und Währungspolitik».¹ Tiefe Zinsen, Interventionen am Devisenmarkt, eine relativ billige Schweiz. «Das sind Schweizer Unternehmen, die die Leute anstellen.»¹
Und wohin floss das Wachstum? Zwischen 2011 und 2021 entstanden im nicht-marktwirtschaftlichen Sektor – Gesundheit, Bildung, Verwaltung – über 130'000 neue Stellen. Wachstum von 1.6 Prozent pro Jahr, fast doppelt so schnell wie der private Sektor (STATENT). Arbeitskräfte, die anderswo fehlen.
«Mangel gibt es nicht. Es gibt Preise, Mengen und Reaktionen.»
Trotz Boom und Zuwanderung: «Fachkräftemangel» überall. Rekrutierungsschwierigkeiten auf Rekordniveau, der Adecco-Index steigt Jahr für Jahr.
Aber die Löhne erzählen eine andere Geschichte, trotz "Mangel", gibt es wenig zu feiern. Plus 3.3 Prozent seit 2012 – während das BIP pro Kopf um fast 10 Prozent zulegte, das reale BIP sogar um 26 Prozent. Wenn wirklich Mangel herrscht, müssten die Preise reagieren. Würde man meinen.
Der Markt ist auch nicht blockiert. Jedes Jahr finden rund eine Million Stellenwechsel statt. 20 Prozent des Bestandes drehen jährlich. Liquidität ist da.
Zürcher bringt es auf den Punkt: «Mangel gibt es nicht. Es gibt Preise, Mengen und Reaktionen.»¹
Rekrutierungskosten Schweiz: KMU zahlen die Zeche
Wenn es keinen Mangel gibt – warum fühlt es sich trotzdem so an? Unsere Hypothese: Rekrutierung kostet. Active Sourcing, Headhunter, Employer Branding, Lohnprämien – basierend auf Branchenschätzungen geben Unternehmen zwischen 500 und 10'000 Franken pro Stellenbesetzung aus.² Das sind die direkten Kosten.
Die indirekten wiegen schwerer. Jede unbesetzte Stelle bremst: Projekte stocken, Teams sind überlastet, Wachstum wartet. Die Opportunitätskosten einer Vakanz übersteigen oft die Rekrutierungskosten selbst.
Grosse Unternehmen können reagieren. Sie haben HR-Abteilungen, Budgets, Reichweite – und Zugang zum internationalen Arbeitsmarkt. Zürcher: «Schweizer Unternehmen können aus einem Arbeitsmarkt mit einem Viertel Milliarde Erwerbstätigen rekrutieren.»¹ Aber das gilt vor allem für die Grossen.
KMU haben das nicht. Eine offene Stelle bedeutet: die eigene Arbeit unterbrechen, Inserate schalten, Bewerbungen sortieren – alles Chefsache, neben dem Tagesgeschäft. Die Rechnung ist einfach: Gleiche Schwierigkeiten, weniger Ressourcen, höhere relative Kosten.
Der Markt und die Menschen sind da. Aber die Verbindung kostet – und die Kosten sind ungleich verteilt.
Für KMU heisst das vielleicht: Nicht mit Budget konkurrieren, sondern mit Sichtbarkeit. Die Zahlen deuten in diese Richtung. Was auf der anderen Seite passiert – bei den Menschen, die arbeiten – schauen wir im nächsten Beitrag an.
¹ Boris Zürcher im Podcast «Denk dänk», Avenir Suisse, April 2025.
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